ISAIAS COSTA
DAS THERAPIEZENTRUM GERSTHOF

Eine Darstellung von Isaias Costa



Was ist das Therapiezentrum Gersthof? Diese Frage begleitet mich seit 2002, als ein paar KollegInnen sich bei uns in der Gentzgasse zusammengesetzt haben, um sich über die Gründung einer neuen Gemeinschaftspraxis auszutauschen. Wir hatten damals die unterschiedlichsten Bilder und haben uns die Zeit nicht genommen, diese zuerst zu klären und zu vereinheitlichen, sondern haben gleich mit dem Aufbau der Praxis begonnen. Der Raum mit seinem Licht und seiner Erdung hat uns inspiriert, die Selbstregulation hat uns den Weg gezeigt. In der Zwischenzeit sind wir sehr gewachsen, die Erwartungen mancher haben sich verwirklicht, andere sind eher enttäuscht.

Ich möchte hier also meine ganz persönliche Vision des Therapiezentrums Gersthof darstellen.



Mein Standpunkt

Ich beginne mit einer Darstellung von dem Standpunkt, von dem aus ich das TZG aufbaue. Denn, vielleicht durch meine fremde Herkunft, vielleicht auf Grund meines originellen Werdegangs, wird mir oft mit Projektionen begegnet, die nicht wirklich viel mit meiner Person zu tun haben. Dem möchte ich gleich entgegen wirken, in dem ich selber erzähle, wie ich mich sehe. Also beginne ich mit einer Frage:

- Was hat ein charmanter Brasilianer in Österreich in einem Therapiezentrum zu suchen?






Der Charme und das Therapiezentrum

In meiner Kindheit habe ich meine ersten Erfahrungen mit Bedürftigkeit, Schmerz und Elend gemacht.

Ich war das vorletzte von 9 Kindern und mein Vater musste mit dem Gehalt eines Journalisten für unsere Familie und noch für die Familien seiner Geschwister und der meiner Mutter aufkommen. Ich kann mich noch an meine Mutter erinnern, wie sie unsere Schuluniformen selbst genäht hat, denn das Geld war nicht genug, um sie fertig zu kaufen.

Als ich fünf Jahre alt war wurde mein 18-jähriger Bruder von Straßenkindern ermordet. Aus sozialer Verantwortung mussten wir in meiner Familie unsere Trauer unterdrücken, denn die Militärs wollten daran ein Exempel statuieren, die Straßenkinder liquidieren und die Diktatur einführen.

Das Elend, in dem diese Straßenkinder und ein Großteil der Bevölkerung Brasiliens – eigentlich der ganzen Erde – leben müssen, befand sich also unmittelbar vor meiner Haustür.

Als junger Student fühlte ich mich schuldig und überfordert, wollte die Welt durch politische Bewegungen retten und wurde meiner Ohnmacht schnell bewusst. Diese Eindrücke waren so stark, dass ich zunächst zu einem sicherem Ort flüchten musste.

Ich habe das Glück gehabt, diesen Ort auch zu finden, und zwar hier in Wien.
Ich habe hier einen langen tiefen Selbsterfahrungsprozess gemacht und konnte den Schmerz und die Schutzmechanismen meiner Kindheit verstehen, mich davon befreien und sie in wertvolle Ressourcen für mein privates Leben und für meine Arbeit verwandeln.
Zum Beispiel, der Charme, den ich einst als Überlebensstrategie entwickeln musste, wird heute als eine Ressource in dem Aufbau und in der Führung meiner Therapiepraxis im richtigen Maß und zum Wohl aller Beteiligten eingesetzt.

Das psychotherapeutische Wissen brachte mich in die Lage, den seelischen Schmerz meiner Mitmenschen lindern zu können. Nun kann ich die Verantwortung wahrnehmen, die meine Kindheit von mir fordert: effektiv für Heilung in unserer Welt beizutragen.

Das drückt sich in der Errichtung dieses Therapiezentrums aus.



Der Brasilianer in Österreich

Aus dem Blickpunkt des brasilianischen Elends ist folgende Haltung unausweichlich:

Die Armut ist inakzeptabel und ich als Privilegierter trage eine besondere Verantwortung.

In Brasilien sehen wir die Welt aus einer etwas anderen Perspektive als in Europa. Es herrscht noch in vielen Herzen eine große Kränkung mit dem Kolonialismus und es werden viele Weltkonflikte in diesem Kontext interpretiert. Das wirft zum Beispiel ein ganz anderes Licht auf das Phänomen der Wirtschaftsflüchtlinge: der Druck von Flüchtlingsströmen ist eine Rechnung für die Ausbeutung der Kolonien, die uns Europaer spät – und eigentlich sehr billig, (man stelle sich vor: damals wurde 2/3 der Erdbevölkerung ermordert) – präsentiert wird. Wir können uns hier nicht einfach abputzen. Das Elend ist global und wir müssen es vor unseren Tür bekämpfen.

Aber was hat das mit Therapieversorgung zu tun? Es stellt uns in die Lage vom österreichischen Staat zu fordern, die Armut hier zu bekämpfen: durch Förderungen des Sozialstaates, der allen hier Lebenden Grundbedingungen bieten soll, ein gesundes und glückliches Leben zu führen.

Das Therapiezentrum hat eine soziale Funktion und will von der Landesbehörde und von den Sozialversicherungsträgern mitgetragen werden.



Die Entdeckung des Unternehmertums

Ein weiterer wichtiger Aspekt meiner Entwicklung wurde durch die verschiedenen Wirtschaftsbeziehungen gegeben. Als Jugendlicher sah ich im Kapitalismus die Ursache für das Elend und glaubte zuerst an die Weisheit des Genossen Maos. Sie wurde mir aber bald zu eng und ich schenkte mein Engagement der Basisgemeinschaftsbewegung der Katholischen Kirche in Brasilien und später der Evangelischen Kirche in Österreich.

Das erwachsene Leben führte mich als Physiker in den Wissenschaftsbetrieb, wo ich mit einem Minimum an Grundgehalt die Abhängigkeit von Finanzierungsagenturen stark spüren musste. Zum Beginn meiner Psychotherapieausbildung wurde ich von der wirtschaftlichen Autonomie meiner Lehrer fasziniert, die durch ihre selbständige Arbeit sogar in der Lage waren eine Schule zu führen, zu forschen und sich weltweit zu vernetzen.

Heute habe ich als Selbständiger das UnternehmerInnentum entdeckt. Es ist eine erwachsene Möglichkeit, kreativ tätig zu sein. Es macht mir mehr Spaß als zu malen oder zu schreiben, und am Ende ist das Produkt noch dazu gesellschaftlich relevant!

Die große Herausforderung ist jetzt die Selbsltverwaltungsträume meiner Jugend mit dem kreativen Potential des UnternehmerInnentums zu vereinen.



Das Therapiezentrum Gersthof

Das Gesundheitskonzept:

. Ganzheit
. Vielfalt
. Ressourcenorientierung

Das Unternehmenskonzept

. Der Boden: gemeinsame Nützung dieser wunderschönen Räumlichkeiten
. Die wirtschaftliche Basis: selbständige private Praxen
. Die Vision: gemeinschaftliche ambitionierte Gesundheitsprojekte

Die soziale Vernetzung

. Mit anderen Versorgungseinrichtungen
. Mit den Gesundheitseinrichtungen und Sozialversicherungen
. Mit Unternehmen in der Gesundheitsvorsorge


In meinem Bild ist das Therapiezentrum gleich dem Boden, wo viele unterschiedliche Pflanzen selbständig wachsen können. Sie befruchten sich gegenseitig und tragen für eine gesündere Umwelt bei. Wir haben eine Gesellschaft gegründet, die diese zwei wunderschönen Wohnungen mit einer Gesamtfläche von 600m2 dem Therapiezentrum zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung stellt. Die MitbenutzerInnen arbeiten hier selbständig. Jede ist für ihre Praxis betriebswirtschaftlich und fachlich 100% verantwortlich. Es sind ProfessionistInnen aus verschiedenen Bereiche des Gesundheitswesens, wobei das Wort Gesundheit sehr breit aufgefaßt wird: darin inkludiert ist alles, was einen Mensch gesund macht: Medizin, Massage, Physiotherapie, Sport, Tanzen, Psychotherapie, Beratung, Coaching, Meditation, Fasten, Feste, Kreativität , Spiritualität... die Liste ist endlos aber nicht willkürlich.

Denn wir haben doch ein gemeinsames Menschenbild: wir sehen die Person als eine Ganzheit, die in funktioneller Einheit mit ihrer Umwelt lebt. Jede von uns arbeitet mit beschränkten Techniken mit einer unbeschränkten Person und sieht daher an der Kollegin nebenan eine Chance für die Klientin und nicht eine Konkurrentin für sich selbst. Der integrative Element ist die Klientin: sie weißt, was ihr gut tut.

Auf dem Boden vom Therapiezentrum können über die Einzelpraxen hinaus noch gemeinsame Projekte wachsen. Es gibt Angebote, von zwei (zB. Authentic Movement) oder drei KollegInnen und auch größere Projekte, wie das Elternkompetenz Zentrum, um junge Eltern in der Erziehung zu unterstützen.

Die Größe unseres Therapiezentrums bietet die Möglichkeit ,die Klientin mit einem Angebot zu versorgen, das über den Rahmen einer Einzelpraxis weit hinausgeht. Die Klientin könnte eine sehr intensive Maßnahme für ihre Gesundheit ergreifen, ohne aus ihrem vertrauten Milieu ausgerissen werden zu müssen. Für sie viel schonender, für den Staat viel billiger als ein stationärer Aufenthalt in einer Kur- oder Heilanstalt.



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